Fem-Power

#ohnemich: Wie schön darf ich als Feministin eigentlich sein?

Ich bin es müde. Ich bin es leid. Frauen, die sich schminken oder sich anderweitig künstlerisch an ihrem Aussehen betätigen, wird gerne der Tussi-Stempel aufgedrückt. Wer schminkt, der will gefällig sein, so geht die Kunde. Müssen wir uns das Schminken wirklich abschminken, wenn wir uns als Feministin verstehen?

Der Artikel, den Claudia Kuchler neulich auf Zeit.de veröffentlichte, hat bei mir heftige Gefühlswallungen verursacht. Fast wäre mir vor Schreck der Lidstrich aus dem Gesicht gefallen.

Die These:

Solange sich Frauen als das schöne Geschlecht gerieren, bleibt die #MeToo-Debatte oberflächlich.

Als „das schöne Geschlecht gerieren“ bedeutet bei Kuchler: Sich für die Männer schön machen. Durch Schminke, durch körperbetonende Kleidung, die einen als Frau automatisch auf den Körper reduziert. Und schon tropft bei den triebgesteuerten Männern direkt der Zahn.

Irgendwann wird klar, wo die Sache hinläuft:

Deshalb, Frauen, Schwestern, Geschlechtsgenossinnen: Lasst das Schminken sein! Legt die Kosmetikdosen in den Schrank und kauft sie nie mehr nach. Wenn ein Männergesicht ohne Tünche schön genug ist für die Welt, warum nicht auch ein Frauengesicht? Hört auf, jeden Tag schicke, formlich und farblich aufeinander abgestimmte Klamotten zu tragen! Zieht das an, was im Schrank gerade oben liegt. Spart die Energie, die das Schminken, Augenbrauenzupfen, Nägellackieren, Beinerasieren, Schmuckanlegen, Shoppen, Durchblättern von Modemagazinen kostet, und steckt sie in das Voranbringen eurer Karriere durch Lernen, Leistung, Sachverstand, oder wahlweise in Spaß und Erholung. Geht nicht mehr als einmal im Vierteljahr zum Friseur. Werft die High Heels auf den Müll!

Tja. Und ich sitze da in meinen formlich und farblich aufeinander abgestimmten Klamotten, gezupften Augenbrauen, rasierten Achseln und Beinen und meiner unsäglichen Tünche und klicke kurz noch beschämt das geöffnete Zalando-Fenster weg.

Leiste ich wirklich dem Sexismus Vorschub, weil ich mein Aussehen mit Hilfe von Schminke und Mode beeinflusse?

Kuchler meint: Ja.

Und ein bisschen hat sie mich inzwischen sogar an der Angel. Denn mir fallen plötzlich Dinge aus meinem Soziologiestudium wieder ein, die mir damals schon eine Weile unangenehm im Magen gelegen haben. Ich sehe unseren Professor lässig an seinem Tisch lehnen mit einem leichten Lächeln auf dem Gesicht, als würde er gerade einen ziemlich guten Witz zum Besten geben. Es geht um Körper, Geschlechter und Kleidung.

„Frauenkleider sind IMMER unpraktischer als Männerkleidung. Schauen Sie sich selbst an! Frauen haben kleinere Hosentaschen, engere Hosen. Und denken Sie nur an Schuhe mit Absatz! Oder früher: Korsetts!“

Und auch die Pointe klingelt mir noch in den Ohren: „Diese Art der Kleidung macht Frauen schwach und hilfsbedürftig.“

In Absatzschuhen lässt sich nicht so gut flüchten, wenn Gefahr droht. In kleinen Taschen lässt sich nichts verstauen. Je umständlicher die Kleidung, desto hilfloser die Frau.

Der Schluss, dass modische, körperbetonte Kleidung die Frau letztendlich klein macht, gar unterjocht, zumindest schwächt, kommt mir plötzlich nicht mehr abwegig vor.

Trotzdem fühle ich mich wie ein Kind, dem man den Lutscher weggenommen hat, wenn ich mir vorstelle, dass ich morgens nur noch das anziehen soll, was im Schrank ganz oben liegt.

Außerdem scheitert das ja bereits daran, dass in meinem Schrank nicht nur Kleidung liegt, sondern auch hängt. Und dass die Kleidung nach Anlass und gegebener Außentemperatur sortiert ist. Wenn das kleine Schwarze ganz vorne hängt, soll ich das dann auch zur Arbeit anziehen, frage ich mich kurz. Dann wird mir klar: Nein. Ich soll das kleine Schwarze wohl sogar wegwerfen. Denn es setzt meine Figur in Szene und ich fühle mich darin attraktiv und – Schande über mich – begehrenswert. Und ich empfinde das als positiv.

Spätestens bei der Vorstellung, wie mein Lieblingskleid in einem Altkleidersack verschwindet, erhebt sich wieder trotzig mein Groll.

Ich sehe nun mal gerne ab und zu schön aus. Nicht für die Männer – für mich!

Aber so einfach ist das nicht, zu früh gefreut. Das Argument „Frauen machen sich nur für sich selber hübsch“ ist ja hinlänglich bekannt und es gibt dafür bereits ein todsicheres Totschlagargument, nämlich:

Frauen wollen nur gerne gut aussehen, weil sie dazu erzogen und so sozialisiert worden sind, dass sie Männern gefallen wollen.

Autsch. Wie soll man sich denn dagegen nun wehren? Muster, die sich bereits in frühester Kindheit in mein noch weiches kleines Gehirn gebrannt haben – dagegen kommen ja oft nicht mal die versiertesten Psychologen an. Bin ich also Opfer eines Systems geworden, das mich derart gehirngewaschen hat, dass ich vom Schönseinmüssen besessen bin, obwohl ich das eigentlich gar nicht wäre?

Oder auf den Punkt gebracht:

Will ich den Männern gefallen, weil die Männer wollen, dass ich ihnen gefallen will?

Spätestens jetzt wird mir langsam schwindelig. Es fühlt sich ein bisschen an wie bei „Inception“. War Leonardo di Caprio in meinem Traum und hat an einem geheimen Ort ein Schminktöpfchen abgestellt? Will ich es benutzen, weil ich es will oder nur, weil Leo es dort platziert hat?

Fragen über Fragen. Zeit für Indizienbeweise:

  1. Ich schminke mich tatsächlich selten, wenn ich nicht unter Menschen gehe.

    Ja, ich gestehe. Wenn ich zu Hause auf der Couch rumhänge, Serien schaue oder mich am Schreibtisch einigle, bin ich so gut wie nie geschminkt und trage unansehnliche nicht-körperbetonte Klamotten. Wobei. Manchmal ist es auch eine Leggings.

2. Ich schminke mich manchmal auch dann nicht, wenn ich unter Menschen gehe.

Ich bin durchaus im Stande ungeschminkt in den Supermarkt oder zur Post zu gehen oder sonstige Besorgungen zu machen. Obwohl die Wahrscheinlichkeit, dort auf Männer zu treffen, sehr hoch ist.

3. Ich schminke mich manchmal auch wenn keine Männer da sind

Wenn meine beste Freundin zum Mädelsabend lädt, werfe ich mich schon mal ein bisschen in Schale und schminke mich, auch wenn ich weiß, dass nur sie mich sehen wird.

4. Ja, ich möchte beim Feiern als attraktiv wahrgenommen werden

Schuldig im Sinne der Anklage. Wenn ich feiern gehe, dann ziehe ich mich chic an und schminke mich, weil ich mich begehrenswert fühlen möchte. Ich bin da aber nicht so festgelegt – ich habe nichts dagegen, wenn mich auch Frauen attraktiv finden. Ich komme auch damit klar, wenn mir niemand vermittelt, dass er mich attraktiv findet. Solange ich mich wohl fühle.

Aber Gegenfrage: Machen das Männer denn nicht auch? Sogar mein ganz und gar uneitles Exemplar der Gattung Mann macht sich die Haare und rasiert sich das Gesicht, wenn er in einen Club geht. Obwohl er ja mich hat. Manchmal stimmt er sogar seine Kleidung ab.

5. Ich ziehe auch gerne Klamotten an wohl wissend, dass Männer die nicht schön finden

Stichwort: Haremshose. Ich liebe Haremshosen. Sie sind luftig und lässig und irgendwie exotisch. Man hat mir schon oft gesagt, die seien ja nun nicht so sexy. Ist mir nur egal.

An dieser Stelle höre ich auf, denn ich merke, das führt zu nichts.

Ich erfülle den Tatbestand offensichtlich nicht zu 100 Prozent und ich wage zu behaupten: Das tut niemand.

Vor ein paar hundert Jahren trugen Frauen Drahtgestelle unter ihren bodenlangen Kleidern, um ihren Hintern größer erscheinen zu lassen. Heute gibt es Mini-Röcke, um die Beine hervorzuheben. Im Barock waren Blässe und hohe Stirnen der Renner – heute brutzeln manche in Solarien und kleben sich künstliche Wimpern auf. Ich weiß nicht, ob das immer unbedingt Männer waren, auf deren Mist diese Trends gewachsen sind, auf jeden Fall scheint die Sache in Bewegung zu sein und kein Dogma aus der Steinzeit, dem wir Frauen uns gehorsam unterjochen.

Ich empfinde Kleidung und Schminke als Möglichkeit, mich kreativ auszudrücken. Um ein bisschen zu zeigen, wer ich bin. Und ich möchte meinen Körper nicht in kastenförmiger, funktionaler Männerkleidung verstecken, um zu demonstrieren, dass ich nicht gefällig sein will. Ich habe nicht einmal etwas dagegen zu gefallen. Gefalle ich euch halt, Männer! Mir doch egal. Deswegen heißt es ja nicht, dass ich alle Komplimente à la „nett siehst du aus, Zuckerpüppchen“ mit lieblichem Lächeln quittieren muss. Mit dem Lippenstift habe ich ja nicht meine Stimme überschminkt und meine Schlagfertigkeit ausgestrichen.

Letztendlich: Ich glaube an #metoo in dem Sinne, dass es vor allem auch für uns Frauen eine Aufgabe ist. Mögen sich manche Männer auch dazu eingeladen fühlen, sexistisch zu werden, wenn sie eine Frau schön finden. Es liegt auch an den Frauen, sie in ihre Schranken zu weisen und sich nicht zum Opfer machen zu lassen.

Mithilfe ihrer Stimme und nicht, indem sie ihre Schminke zum Teufel jagen und ihr kleines Schwarzes verbrennen.

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