Impressions

Die zwei Gesichter Gili Menos – eine Wanderung um die Insel

Als wir uns entschieden, Gili Meno zu besuchen, träumten wir von drei Tagen weit weg von allem. Eingeschlossen in einer duftenden, schillernden Seifenblase – wenn auch nur für kurze Zeit. Einfach mal weg sein und nur genießen.

Und Gili Meno ist wie geschaffen dafür.

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Die Sonne brannte heiß auf den weißen Sand, als wir zu unserer Tour rund um die Insel aufbrachen. Die Zeit war für eine Wanderung denkbar ungünstig, die sengende Mittagshitze machte uns schwerfällig und träge und der kühle Pool unseres Hotels glitzerte verlockend. Das üppige Frühstück lag mir noch bleischwer im Magen, genau die rechte Bettschwere für ein Mittagsschläfchen am Strand. Ich war schon geneigt, der Versuchung nachzugeben, doch mein Freund war wild entschlossen, die kleine Insel zu erobern. „Zwei Stunden für eine ganze Inselumrundung – das schaffen sogar wir.“ Also schob ich die Flipflops in die Ecke und klaubte meine Sneakers aus der dunkelsten Ecke meines Koffers hervor.

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Dass wir uns die Mittagszeit für unsere Runde ausgesucht hatten, wurde mit verlassenen, ruhigen Stränden und Wegen belohnt. Hier und da saßen einzelne Touristen mit schläfrigem Blick in einem der Warungs vor einem kalten Getränk, ein paar geschäftige Einheimische winkten aus ihren kleinen Restaurants, um uns einen schattigen Platz anzubieten. Aber im Großen und Ganzen waren wir ganz für uns.

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Auf dem Weg zum kleinen Hafen kamen wir an einigen bunten Hostels vorbei. Malerische kleine Hütten, die den darin lebenden Backpackern die Illusion verkaufen, sich fernab der Zivilisation zu befinden. Das bunte Inselleben aus Holz, Bambus und Tüchern.

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Gili Meno machte ihrem Ruf als kleine Paradiesinsel alle Ehre. Hinter jeder Ecke bot sich uns eine postkartenartige Aussicht, eine neue, noch schönere Perspektive, noch einladendere Strände.

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Nachdem wir den winzigen Hafen mit seinen kleinen Warungs und den wenigen Läden hinter uns gelassen hatten, kamen wir an einen Ort, der auf Gili Meno so natürlich schien als hätte die Natur ihn selbst hervorbringen können. Selbstverständlich kann man im Paradies auch heiraten.

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Trotz des Schweißes, der mir inzwischen überall am Körper klebte, wanderte ich lächelnd. Alles schien so einfach. Wir waren in einem kleinen Paradies, jeder Platz, auf den der Blick nur fallen konnte, war wunderschön und voller liebevoll ausgewählter Details. Auf Gili Meno war die Welt in Ordnung. Ferien in vollkommener Schönheit. In Gedanken schrieb ich Postkarten an die Freunde zu Hause: „Bin heute auf Gili Meno – im Paradies! Die Strände sind weiß wie Schnee, das Meer klar und blau, ich wandle auf Rosenblättern …“

Doch dann machte der Weg einen Bogen und wir stießen in die weniger bewohnte Hälfte der Insel vor. Und Gili Meno zeigte ein anderes Bild.

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Die Reihe der bunten Ferienhotels wurde abgelöst durch Hütten der tatsächlichen Einwohner von Gili Meno. Klein, zweckmäßig, baufällig hier und da.

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Die meisten der 400 Einwohner von Gili Meno leben in solchen Hütten. Wenn sie nicht irgendeine Arbeit im Tourismus gefunden haben, sind sie Fischer oder ernten Kokosnüsse. Vor wenigen Jahren war Gili Meno noch sehr viel ursprünglicher – es wurde zum Aushängeschild der kleinen Insel in der Nähe von Lombok. Und bald kamen die Touristen in Strömen. Gili Meno musste Schritt halten. Hotels wurden aus dem Boden gestampft. Manchmal wurde nichts aus dem Plan. Häuser und Anlagen, die sich nicht halten konnten, leben als Ruinen weiter. So trifft man etwa mitten in einer (inzwischen) unbewohnten Gegend zwischen spärlicher Vegetation und heißem Sand eine verlassene Poolanlage.

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Die Natur erobert sich das Terrain langsam zurück, doch der Prozess geht schleppend voran. Und manche menschlichen Überbleibsel überdauern an Ort und Stelle und man fragt sich, wie sie dort hingelangt sind.

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Es kommt einem vor, als würde auch die Natur uns schwitzenden Touristen zeigen wollen, dass dieser Ort nicht für unsere verwöhnten Augen gedacht ist. Ein großes Stück laufen wir ohne Schatten in brennender Hitze.

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Die Insel scheint einen eigenen, sarkastischen Humor zu besitzen. Zwischen den Bäumen grinst uns ein Skelett aus Korallen auf unserem Marsch zu.

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Die Vergänglichkeit ist in diesem Teil der Insel allgegenwärtig. Vergangene Träume vom großen Hotelbusiness verfallen allmählich und scheinen im Sand zu versinken, ducken sich weg von den Blicken der Touristen. img_3656

Das dämliche Grinsen ist mir aus dem Gesicht gewischt. Mir ist, als wäre ich wieder in der Realität angekommen. Die perfekte, touristische Fassade hat ihren Preis. „Höher, schneller, weiter“ ist auch auf Gili Meno – im kleinen Rahmen noch, aber dennoch – angekommen. Und plötzlich spürt man die Hitze wieder, der Schweiß im Nacken ist unangenehm, die Beine werden schwer. Und ein bisschen auch das Herz.

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Die stillen, verlassenen Plätze zeigen ein anderes Gesicht von Gili Meno. Nicht paradiesisch, aber dafür authentisch. Und irgendwie auch schön, auf eine bittersüße Art.

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Der Tourismus ist zwar auf Gili Meno angekommen, doch ihr ursprüngliches Selbst kann die Insel noch nicht vollständig hinter der glänzenden Fassade des Touristenparadieses verstecken. Diese Stellen, an denen sich die ursprüngliche Seele der kleinen Insel zeigt, sind wie kleine Schätze.

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Als wir im Traumland unseres Strandhotels ankommen, wiegen sich zierliche Schildchen mit Troddeln in einer leichten Brise und der Pool leuchtet uns noch genau so einladend entgegen wie zwei Stunden zuvor. Doch in den zwei Stunden rund um die Insel ist etwas passiert, der Blick hat sich ein bisschen geschärft, die Fassade hat Risse bekommen, die Illusion ist ein bisschen verblasst. Ist Gili Meno das Paradies?

Ja und nein. Die Insel bietet sich uns Touristen in vollkommener Schönheit dar, wir sind eingeladen alles zu genießen (und es wäre ein Verbrechen, wenn wir es nicht täten). Doch so leicht ist das Leben für die 400 Einheimischen dort nicht. Der Tourismus hat Jobs geschaffen neben den Kokosnüssen und dem Fischen, doch er hat große Anforderungen mitgebracht, denen sich die kleine Insel stellen muss.

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Dennoch wäre nichts falscher, als Gili Meno nicht zu besuchen. Und ein Blick über den Tellerrand – oder über die Grenzen des Hotels hinaus – wird in jedem Fall belohnt.

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