Sri Lanka Storys

Sigiriya – Wo die Wolkenmädchen wohnen

Sigiriya – der Löwenfelsen – ist einer der Hotspots auf Sri Lanka. Die „Legende“ besagt, dass Sigiriya überbewertet ist. Meine Meinung: Stimmt. Aber nur dann, wenn man Sigiriya bloß als Felsen sieht, von dem man runtergucken kann.

Es ist nicht schwer, mich zu einem Ausflug zu überreden, wenn man ein paar Zauberworte sagt: Schlösser, Legenden, Rätsel. Ich liebe geschichtsträchtige Orte und ich will am liebsten immer alles darüber wissen. Ich bin diejenige, die dich zu einer langen Führung durch alte Burgen und Gemäuer überredet und die, die dich mit ihrem angelesenen Wissen über historische Orte nervt. #sorrynotsorry

Deswegen war – zumindest für mich – klar, dass wir auf unserer Sri Lanka-Reise auch Sigiriya, den „Löwenfelsen“, besteigen müssen. Auch wenn der Eintritt wirklich stattliche 30 Dollar kostet und dort natürlich die typischen Touri-Fallen (fliegende Souvenir-Händler, Schlangen-Fakire etc.) lauern.

Sigiriya befand sich geschmeidige vier Stunden Fahrzeit von unserem Hotel entfernt, im Landesinneren. Wie auch Dambulla und Kandy und überhaupt die Mehrheit der singhalesischen Kultur-Hotspots. Um 5 Uhr morgens wurden wir von unserem Fahrer Nihal im Hotel abgeholt. Zum Glück müde genug, um den Großteil der Autofahrt zu verschlafen. (Ich hatte zudem die Theorie, dass Nihal die Klimaanlage deswegen nur sporadisch anschaltete, damit uns die Hitze und der mangelnde Sauerstoff einschläfert …)

Dementsprechend verballert kletterten wir aus dem Wagen am Fuße des sagenumwobenen Löwenfelsen Sigiriya und wurden in die Hände eines deutsch sprechenden Guides übergeben, der ein wahnwitziges Schritttempo vorlegte, obwohl er nur löchrige Flipflops trug. Ich selbst verfluchte direkt meinen typisch deutschen Schädel, von wegen „festes Schuhwerk“. Mir qualmten die Füße gewaltig. Denn obwohl wir früh los gefahren waren, war inzwischen Mittagszeit und es war dementsprechend heiß. Und ich wusste, was uns bevorstand: 1200 Treppenstufen ganz nach oben. Dort, wo die ehemalige Fluchtburg von König Kassapa (sprich: Kaschappe) thronte. Unser Guide lieferte uns während dem Aufstieg ein paar Fakten zur Geschichte des Ortes. Es handelte sich jedoch lediglich um eine Art „Fun Facts“ für ignorante Touristen (für die er uns wahrscheinlich hielt). „Hier sehen sie die vier ‚Badewannen‘ für die Frauen des Königs. Er hatte 500 Frauen, da reicht ein Bad natürlich nicht …hahaha“.

Weil ich mich auf sowas sowieso nie verlassen will, hatte ich mir die Geschichte des Ortes natürlich längst angelesen:

Die Legende über den Löwenfelsen und die Wolkenmädchen

Zwischen 455 und 473 nach Christus regierte in Sri Lanka König Dhatusena in der damaligen Hauptstadt Anuradhapura. Standesgemäß hatte Dhatusena natürlich nicht nur eine Frau, sondern viele. Genau genommen eine Königin und mehrere Nebenfrauen. Seine Königin hatte ihm einen Sohn geboren: Den Kronprinzen Moggallana. Er hatte jedoch noch einen weiteren Sohn von einer seiner Nebenfrauen: Kassapa. Kassapa wollte gerne selbst König sein und dazu war ihm jedes Mittel recht. Er tötete seinen Vater, den König Dhatusena, und setzte sich selbst die Krone auf. Sein Halbbruder Moggallana, der rechtmäßige Thronfolger, ging seinem mordlustigen Bruder jedoch durch die Lappen und flüchtete in den Süden.

Kassapa war also König. Doch so lange erlebte, saß ihm der wahre Thronerbe Moggallana im Nacken und Kassapa lebte stets in der Angst vor einem Angriff. Daher verlagerte er seinen Palast von der Hauptstadt Anuradhapura nach Sigiriya – auf den Löwenfelsen. Innerhalb von 30 Jahren ließ er dort seine Fluchtburg in 200 Meter Höhe errichten, die in ihrer Pracht dennoch ihresgleichen suchte. Auch am Fuße des Felsens ließ Kassapa üppige Gärten anlegen, die einerseits an die berühmten „hängenden Gärten von Babylon“, aber auch an die symmetrische Anordnung der herrschaftlichen Gärten von Versailles erinnern (die es natürlich erst sehr viel später gab, aber offenbar haben die Herrscher dieser Welt schon von jeher einen Faible für symmetrische Botanik gehabt). Noch heute kann man erkennen, wie prächtig das Ganze damals war.

Auch Kassapa sammelte und hortete Frauen, die in seinem Palast in ziemlichem Saus und Braus lebten. Immerhin hatten sie üppige Bäder.

Wassermangel war im übrigen nie ein großes Problem in Sri Lanka – trotz Tropenhitze. Die singhalesischen Könige haben die Wichtigkeit von Wasser früh erkannt und entsprechend vorgesorgt. Das Land ist durchsetzt von Flüssen, (Stau)-Seen und sonstigen Wasserspeichern und dementsprechend üppig und Grün. Kassapa ließ selbst zur eigenen Erbauung Wassergärten anlegen, die durch unterirdische Rohr-Konstruktionen sogar über Springbrunnen verfügten. Nochmal zu Erinnerung: Wir befinden uns noch nicht einmal im Jahre 500 nach Christus. Ziemlich beeindruckend.

Aus diesen kleinen Löchern sprudelte das Wasser. Noch heute funktioniert das, wenn genügend Wasser da ist.

Letztendlich regierte Kassapa von 473 bis 491 nach Christus als König in seiner prächtigen Löwenburg mit seinen 500 Frauen und seinen üppigen Gärten. 491 holte Kassapa jedoch die Vergangenheit ein. Er verließ seine bis an die Zähne zur Verteidigung bewaffnete Fluchtburg, zog in die Schlacht gegen seinen Halbbruder Moggallana – und unterlag. Die ganzen Verteidigungsmechanismen der Burg auf dem Löwenfelsen wurden nie erprobt und kamen nie zum Einsatz. Man sieht sie noch heute:

Verteidigungsvorrichtung

Dieser große Felsen war eigentlich dazu ausersehen, eventuellen Angreifern auf den Kopf geworfen zu werden. Wäre ein Heer angerückt, hätte man leicht die verhältnismäßig dünnen Fels-Streben entfernen können, woraufhin der große Felsen den Hang hinunter gerutscht wäre. Eine Waffe, die man nur ein Mal abfeuern kann. Sie war jedoch niemals in Gebrauch. Auch die breiten Kanäle rings um das Anwesen sind heute noch intakt. Damals sollen Krokodile darin gelebt haben. Auch die dürften jedoch nie in den Genuss gekommen sein, ein paar Angreifer zu fressen.

Ironie der Geschichte in Reinform. So viel Aufwand, Zeit und Mühe hat Kassapa in den Bau und die Verteidigung seiner prächtigen Felsenburg gesteckt – und alles umsonst. Letztendlich verließ er seinen Felsen selbst und zog freiwillig in die Schlacht. Moggallana musste die Fallen von Sigiriya niemals überwinden. Nachdem er seinen Halbbruder besiegt hatte, verlagerte er den Regierungssitz erneut nach Anuradhapura und gab Sigiriya wieder den Mönchen zurück, die den Felsen vor Kassapa bereits als Meditationsort benutzt hatten. Kassapa ist in gewisser Weise jedoch unsterblich geworden, zumindest in Form seines Palastes, der noch heute bewundert werden kann. Und durch seine „Wolkenmädchen“.

Was es mit den Wolkenmädchen auf sich hat

Seine königliche Frauensammlung ließ Kassapa – wahrscheinlich – auf dem Felsen selbst verewigen: Als „Wolkenmädchen“. Von den berühmten Fresken sind heute nur noch 22 erhalten, die sich vor der Witterung geschützt unter einem Felsvorsprung befinden. Es müssen jedoch damals über 500 Fresken gewesen sein. An ihnen ließ sich ablesen, dass die Frauen aus vielen verschiedenen Ländern kamen und es offenbar auch Frauen gab, die anderen Frauen dienten. Alle „Wolkenmädchen“ sind  barbusig dargestellt und es fehlt der Unterkörper. Weil es so aussieht, als ob sie aus Wolken herausragen, nennt man sie eben „Wolkenmädchen“. Irgendwie eine zweifelhafte Ehre – zumindest aus heutiger Sicht. Ich zumindest würde nicht gerne oberkörperfrei auf einen Felsen gemalt werden … aber das kann ja jeder halten wie er will.

Die Wolkenmädchen können auf halber Höhe auf dem Weg zum Plateau besichtigt werden, man gelangt durch luftige Wendeltreppen unter den Felsvorsprung. Es ist jedoch streng verboten, sie zu fotografieren. Ein Singhalese sitzt den ganzen Tag dort und beobachtet die Touristen mit Argusaugen. Trotz dieser Geheimniskrämerei gibt es auf Sri Lanka überall Bilder von den Wolkenmädchen, nicht zuletzt auf einem Geldschein. Trotzdem ist es interessant, sie live zu sehen. Ziemlich beeindruckend, wie gut die Fresken nach so langer Zeit erhalten sind. Um dennoch der Wahrheit die Ehre zu geben, muss man sagen, dass die Wolkenmädchen inzwischen ein kleines Lifting bekommen haben. Um nicht zu sagen: Leider. Denn die Fresken wurden nicht einfach nur wieder hergestellt, sondern „optimiert“. Die Restaurateure haben sich mit einer bewundernswerten Leidenschaft besonders den Brüsten gewidmet. Die sind nämlich ungefähr um drei Zentimeter angehoben worden und scheinen nun allen physikalischen Gesetzen zu trotzen. Man erkennt das sehr gut, da die neuere Farbe nicht ganz so gut deckt.

Der Aufstieg auf den Löwenfelsen Sigiriya

Eins vorweg: Der Aufstieg ist absolut schaffbar für Menschen mit mittelmäßiger Kondition und normal-funktionierenden Beinen, sogar in der Mittagshitze. Es ist etwas challenging, wenn man ein Problemchen mit Höhenangst hat (so wie ich). Aber wirklich machbar. Ihr solltet jedoch genug Wasser mitnehmen. Wir waren da etwas naiv und hatten nur einen halben Liter Wasser dabei. Immerhin hatte uns auf Bali auf dem Mount Batur in 1700 Metern Höhe eine alte Balinesin eine Cola verkauft. Hier war das jedoch anders: Keine Wasserverkäufer auf dem Löwenfelsen. Daher: Vorsorgen!

Noch ein letztes zuversichtliches Grinsen in die Kamera, bevor es ernst wird.

Das Gute ist: Der Weg ist in Etappen zurückzulegen und es gibt auf dem Weg nach oben einiges zu bestaunen.

Die erste Etappe bietet bereits eine ganz nette Aussicht. Von hier aus geht es dann auch hinauf auf einen kurzen Besuch bei den Wolkenmädchen.

Danach geht es weiter nach oben entlang der „Spiegelwand“. Diese Wand war damals wohl tatsächlich so glatt, dass man sich darin spiegeln konnte. Trotzdem haben sich die Singhalesen damals darauf schriftlich verewigt und dort ihre Loblieder auf die Schönheit der Wolkenmädchen eingeritzt. Man spricht gerne vom „ältesten Graffiti der Welt“.

Nach diesen Stufen erreichten wir die „Löwenterrasse“. Der Name ist Programm. Links und rechts neben der Treppe, die nach oben zum Plateau führt, sieht man noch heute riesige Löwentatzen, die verflucht beeindruckend sind.

Ich for scale: Ich bin 1,57m groß.

Früher gehörten die Löwentatzen zu einem kompletten Löwen, durch dessen Maul man auf die Stufen zum Plateau kam. Dass das ein Löwe und kein anderes Tier war, ist natürlich kein Zufall. Die Singhalesen bezeichnen sich auch heute noch manchmal als „Löwenrasse“.

Auf der Löwenterrasse empfiehlt es sich übrigens, die Stimme zu senken. Nicht aus Ehrfurcht, aber wegen den Wespen, die hier oben wohnen.

Auf Sri Lanka gibt es übrigens etwas ziemlich Einmaliges: Wespenhonig. Unglaublich, aber wahr.

Von hier aus heißt es dann für Höhenangsthasen wie mich: Stark sein. Denn der restliche Weg führt durch schwindelerregende Höhen auf einer wackeligen Stahltreppe nach oben.

Und ja, ich hatte eine kleine, verspielte Panikattacke. Wir waren dort oben nämlich eine kleine Weile eingekesselt zwischen Chinesen mit Selfie-Sticks, die auf ihrem Weg nach oben ständig posierten, und indischen Familien, die sich an uns vorbei nach unten drängeln wollten.

Oben angekommen, entschädigt der unglaubliche Ausblick jedoch für so einiges. Zu meinem persönlichen Entzücken ist vom Palast wirklich noch viel wirklich gut erhalten.

Siegesfoto!

Beispielsweise sieht man noch den „Ballsaal“ in seiner ganzen Pracht, ebenso wie das Bad des Königs selbst. Eine Badewanne, mit der ich mich auch anfreunden könnte.

Kassapa hatte da oben sogar ziemlich ausgeklügelte Zisternen für die Wasserversorgung. Man muss sich immer wieder vor Augen halten, wie unfassbar alt all das hier ist. Damals haben wir uns hier noch die Keulen über die Schädel gezogen.

Von hier oben sieht man in der Ferne auch einen kleinen weißen Buddha. Der ist in Wirklichkeit nicht unwesentliche 30 Meter hoch. Von Sigiriya aus erinnert er jedoch eher an ein Tictac.

Ist Sigiriya nun eine Reise wert oder nicht?

Viele Sri-Lanka-Kenner raten Sri-Lanka-Reisenden oft dazu, nicht Sigiriya in Angriff zu nehmen, sondern den in der Nähe gelegenen Pidurangala Rock zu besteigen. Pidurangala wird gerne auch als „Budget-Rock“ bezeichnet, denn der Aufstieg kostet nur ein Bruchteil vom Eintrittsgeld für Sigiriya und man hat von dort aus natürlich auch eine schöne Aussicht auf den Löwenfelsen (die man natürlich auf dem Löwenfelsen nicht hat, weil man ja drauf steht). Letztendlich ist Pidurangala jedoch „nur“ ein Felsen, während Sigiriya eben letztendlich ein geschichtsträchtiger Ort ist und eben einen ziemlich eindrucksvollen Palast beherbergt. Es kommt also drauf an.

Wenn ihr einfach eine umwerfende Aussicht über Sri Lanka genießen wollt, reicht der „Budget-Rock“ vollkommen aus. Dabei werdet ihr bedeutend weniger Geld los und müsst euch mit deutlich weniger Touristen rumschlagen. Die Panikattacke in der Chinesen-Meute wäre mir hier sicher erspart geblieben.

Wenn ihr euch aber so wie ich für die Geschichte des Ortes interessiert, führt kein Weg an Sigiriya vorbei. Trotz der Tatsache, dass das Unterfangen derart anstrengend war, ich Panik und Muskelkater durchleiden musste und ich letzten Endes bis auf die Knochen nassgeschwitzt war, war der Ausflug nach Sigiriya eines der Highlights für mich – absoluter Herzenstipp!

Und ich würde es wieder tun.

2 Kommentare

    1. Hallo Willy!
      Vielen Dank! Ja, das stimmt. Solche Orte sind leider wirklich selten … und werden wohl auch immer seltener.

      Liebe Grüße
      Christina

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