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Kleine Götter – Balinesische Baby-Zeremonien

Als ich auf Bali zum ersten Mal gesehen habe, wie eine Balinesin eine Zeremonie an einem der unzähligen Haustempel durchführte, konnte ich meine Augen nicht von ihr abwenden.

Wir saßen gerade beim Frühstück auf der Terrasse unseres Hotels, als mir neben meinem morgendlichen Mie Goreng (die deutschen Frühstücksgepflogenheiten lege ich auf Bali inzwischen ganz schnell ab) noch ein anderer Duft in die Nase stieg. Es war der Duft der Räucherstäbchen, die aus einem von mehreren kleinen Körbchen aus Bananenblättern ragten. Die Opferkörbchen waren bunt gefüllt mit Blüten und einer kleinen Essensgabe für die Götter – in diesem Fall war es etwas Reis – und lagen auf einem großen Tablett, das wiederum auf dem Kopf einer rituell bunt gekleideten Balinesin ruhte. Elegant balancierte sie das Tablett zu einem der Haustempel in unserer Sichtweite. Und wenn es eine Personifikation von „Hingabe“ geben kann, dann wäre sie es gewesen. Elegant und langsam tunkte sie eine Frangipaniblüte in Wasser und besprenkelte damit die Opfergaben, ihren eigenen Kopf und den Tempel. Sie klemmte die Blüte zwischen ihre Hände und erhob sie zum Gebet, verharrte so eine Weile. Dann nahm sie behutsam je ein Opferkörbchen in die Hand, ließ den aufsteigenden Rauch mit einer runden, gemächlichen Handbewegung drei Mal in Richtung des Tempels wehen und legte das Opfer ab. Sie war so sehr im Hier und Jetzt, so sehr eins mit sich – so schien es zumindest – dass sogar ich innerlich ganz still und entspannt wurde. Es ist diese Hingabe der Balinesen, die ich gerne selber hätte. Ein Grund, weshalb ich mich auf Bali so glücklich und aufgehoben fühle. Auf der Insel fühle ich mich wie eingewoben in ein „Großes Ganzes“. Und das gibt mir selbst auch das Gefühl „ganz“ zu sein.

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Opfergaben am Meer mit Blüten, Reis, einem Keks und natürlich dem Räucherstäbchen.

Die Balinesen sind sich dessen auf jeden Fall gewiss. Sie fühlen sich eingewoben in ein großes Universum, in dem alle Menschen sowie eine Vielzahl von Göttern und Dämonen ihren Platz haben. Dieses Leben beinhaltet auch eine Vielzahl von Zeremonien zu Ehren der Götter und der Menschen, der Tempel, der Natur, der Toten … für fast alles gibt es eine Zeremonie. Was nach Stress klingt, vollziehen die Balinesen jedoch – wie gesagt – mit einer Hingabe, die ihresgleichen sucht. Obwohl diese Zeremonien oft mit einem ziemlichen Kostenaufwand einher gehen – Geld, das sich viele Familien mühsam über Monate zusammensparen müssen. Niemand würde sich jedoch jemals darüber beklagen – im Gegenteil.

<h2>Der große Tag der kleinen Thian</h2>

Als wir das letzte Mal auf Bali waren, im Oktober 2016, waren wir wieder mit Wayan unterwegs. Vor einigen Monaten war seine kleine Tochter geboren worden – sein viertes Kind nach zwei Mädchen und einem Jungen. Er steckte bereits bis zum Hals in Vorbereitungen für die große Zeremonie der kleinen Thian Yuniarti, die zwei Monate später stattfinden sollte. Es sollte natürlich „Babi Guling“ geben – das traditionelle Festtagsgericht der Balinesen: Spanferkel. Was ziemlich teuer ist – und es würde viele Mäuler zu stopfen geben. Denn zu so einer Zeremonie kommt nicht nur die ganze Familie zusammen (Wayan selbst hat alleine acht lebende Geschwister), auch Nachbarn und Freunde werden bei so einem Fest nicht ausgeschlossen. Es würde der bedeutendste Tag in Thians bisherigem, zugegeben noch recht kurzen, Leben werden: Der Tag, an dem ihre Füßchen zum ersten Mal den Boden berühren.

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Die bezaubernde kleine Göttin Thian und ich.

Traditionell findet diese Zeremonie nach drei Monaten statt. Thian jedoch feierte dieses Fest nach sechs Monaten – zusammen mit dem traditionellen Abschneiden ihrer beeindruckend langen Babyhaare. Streng genommen hätten eigentlich beide Anlässe eine eigene Zeremonie verlangt. Doch aus Kostengründen werden auf Bali manchmal verschiedene Zeremonien zusammengefasst. Was ja auch verständlich ist. Einen großen Tag hatte Thian bereits hinter sich: Die Zeremonie, in der die Seele, dem Glauben der Balinesen nach, erst endgültig im Körper der kleinen Babys Einzug hält. Zu diesem Ehrentag erhielt Thian silberne Arm- und Fußreifen sowie eine Kette, die mit heiligem Wasser gesegnet wurde.

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Thian kurz nach der Zeremonie mit der geweihten Kette und Reis auf der Stirn – dies ist ein Zeichen der Dankbarkeit an die Götter.
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Thian mit ihrer Mama Wayan mit vollständigem Schmuck-Ensemble.

<h2>Was hat es mit diesen vielen Baby-Zeremonien auf sich? </h2>

Babys sind auf Bali etwas Heiliges. Und wenn ich „heilig“ sage, dann spreche ich nicht von „Babys sind einfach ein WUNDER“, sondern wortwörtlich heilig im Sinne von göttlich. Wenn Babys auf die Welt kommen, gelten sie auf Bali als Götter. Daher sollen sie auch nicht den als schmutzig geltenden Boden mit ihren heiligen Füßchen berühren, was für die Mütter einen ziemlichen Kraftaufwand bedeutet. In Ordnung scheint jedoch der Zimmerboden zu  sein. Die Häuser auf Bali sind meist etwas erhöht gebaut, sodass die Zimmerböden nicht auf gleicher Höhe wie die Erde draußen ist. Ich denke, das geht klar. Zumindest habe ich Thian krabbelnd auf Bildern gesehen, bevor ihr großes Ritual startete.

<h2>Die „vier Geschwister“</h2>

Als Wayan uns nach unserem Angel-Ausflug am White Sandy Beach zu sich nach Hause einlud, damit wir die kleine Thian kennenlernen konnten, war ich natürlich hellauf begeistert. Glücklicherweise waren alle zu Hause: Wayans Mutter, seine Frau, die ebenfalls Wayan heißt, seine beiden Töchter (noch eine Wayan und Eka Rienels Saraswati) und seine kleiner niedlicher Sohn Ketut. Mama-Wayan servierte uns leckeren Tee und die besten frittierten Bananen, die es auf der Welt gibt. Aber ich hatte fast keine Zeit, zu essen und zu trinken, weil – Thian.

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Schließlich wollte Wayan uns noch etwas Interessantes zeigen. Er führte uns an eine Stelle im Hof, an der eine Art Steindeckel etwas Darunterliegendes verbarg. Auf dem Deckel befanden sich Bananenblätter mit Reis – eine Opfergabe. „Plazenta!“ rief Wayan und deutete darauf und wir erschraken kurz so sehr, dass wir fast einen Satz zurück machten. Aber ja – dort war die Plazenta begraben, in der Thian vor ihrer Geburt gewohnt hatte – nebst anderen … „Geschwistern“.  Denn Kinder kommen auf Bali nie alleine auf die Welt, auch wenn sie keine Zwillinge haben. Von ihrem ersten Tag an stehen ihnen nämlich vier ältere Geschwister (zu Balinesisch: Kanda Empat) zur Seite, die mit ihnen gemeinsam diese Welt betreten haben: Fruchtwasser, Blut, Nabelschnur und Mutterkuchen – mit Namen Anggapati, Prajapati, Banaspati und Banaspati Raja. Diese vier Geschwister sind Schutzgeister, denn sie haben das Baby die Schwangerschaft hindurch beschützt. Und das sollen sie weiterhin tun. Die „Ari-Ari“ (Plazenta) kann das Kind ein Leben lang vor Krankheit und bösen Zaubern bewahren – dafür verlangt sie nun jedoch die ihr gebührende Aufmerksamkeit in Form von rituellen Zuwendungen und Zeremonien. Nach der Geburt wird sie zusammen mit etwas Blut und Fruchtwasser in einer Kokosnussschale vergraben.

<h2>Das Fest der Erdberührung</h2>

An Thians großem Erdberührungsfest konnten wir leider nicht mehr dabei sein. Aber Bilder verraten, dass Wayans monatelange Mühen von Erfolg gekrönt waren und zu einem tollen Fest geführt haben. Wie erwartet sind viele Verwandte gekommen – auch, um zu helfen. Eine ganze Armada von Opfergaben musste schließlich vorbereitet werden.

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Die Opfergabe vor Wayans Haustempel häufen sich.

Das Haus und der Haustempel sind mühevoll geschmückt und alle haben sich in die traditionelle Kleidung geworfen. Wayan trägt die rituelle Kopfbedeckung der Männer. Ich habe einmal nachgefragt, warum die so und nicht anders aussieht: Es ist wegen der Haare. Haare gelten als unrein und sollen, wenn möglich nicht herunterfallen während eines Rituals. Die Form dieser Mütze kann sich lösende Haare wie in einem Trichter auffangen. So simpel, wie genial.

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Dann ging es los. Ein Priester führt das Ritual durch und alle schauen gebannt auf die rituell geschmückte kleine Thian, die nun von einer kleinen Göttin zum  nicht minder bezaubernden Menschenkind wird. Zunächst wird Thian mit dem obligatorischen Dankbarkeits-Zeichen an die Götter geschmückt: Reis. Und dann wird es langsam ernst.

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Nicht nur ihren Götterstatus muss Thian jetzt einbüßen – auch ihre Haarpracht.

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Ganz rechts im Bild: Das Spanferkel „Babi Guling“.

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Die Kids schauen gebannt zu, wie Thian mit Hilfe ihrer Eltern ihre Haare opfert.

<h2>Die Mundan-Zeremonie</h2>

Das rituelle Haareschneiden der Halbjährigen ist bekannt als „Mundan-Zeremonie“.  Der Tradition nach wird das Haar geopfert und in strömendes Wasser geworfen. Danach wird die Kopfhaut mit heiligem Wasser (Gangajal) gewaschen und eine Paste aus Kurkuma (Safranwurz, gelber Ingwer) und Sandelholz aufgetragen. Die Paste soll die Kopfhaut kühlen und helfen, dass eventuelle Verletzungen schneller heilen. Bei Thian scheint es aber ganz ohne Verletzungen abgegangen zu sein. Mit dieser symbolischen Handlung soll das Baby von negativen Energien aus seinem vorherigen Leben befreit werden, denn wie gesagt, Haare gelten als unrein.

Nach dieser kombinierten Zeremonie hat Thian es also geschafft: Sie ist vollkommen auf der Erde unter den Menschen angekommen und darf ihr Leben nun auf eigenen Füßchen beginnen. Negative karmische Energien aus ihrem früheren Leben sollten sie dabei nun auch nicht mehr stören. Und auch, wenn es echt schade um ihre hübschen langen Haare ist – jetzt sieht sie immerhin ihrem Papa sehr ähnlich.

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Die balinesischen Rituale können einem in mancher Hinsicht brutal vorkommen (ich hab euch noch nichts vom Zähneabfeilen in der Pubertät erzählt … ), aber ich finde sie auch faszinierend. Auf jeden Fall kommen immer die ganze Familie, die Freunde und Nachbarn zusammen, um den jeweiligen wichtigen Abschnitt gemeinsam mit dem Betreffenden zu begehen. Alle helfen, jeder packt an, alles geschieht mit absoluter Hingabe. Es ist bewundernswert und etwas, das ich in unserer Gesellschaft manchmal vermisse.

Ich selbst bin nicht sehr religiös, auch wenn ich katholisch bin und recht christlich erzogen worden bin (mit Oma sonntags in die Kirche gehen und so … auch „Kindergottesdienst“ war mir nicht fremd und ich war mal Messdienerin … hrmhrm….). Aber irgendwie, mit dem Hinduismus kann ich etwas anfangen. Ich hatte auch auf Bali das Gefühl, dass die Balinesen ihren Glauben mehr leben – mit allen Konsequenzen -, als wir in Europa unseren. Es geht weniger um die Religion, als um die Verbindung zwischen dem Einzelnen und den Göttern. Nicht die Kirche ist wichtig, sondern die persönliche Bindung. Es geht nicht um das Ritual, sondern um das, was dahinter steckt. Und da greift man sich auch gerne mal gegenseitig unter die Arme.

Falls es euch übrigens mal nach Bali verschlagen sollte und ihr einen herzensguten, engagierten und humorvollen Fahrer sucht: Schreibt einfach mal „Wayan Mudra Balidriver“ auf Facebook an und grüßt ihn schön von mir.

 

Was haltet ihr von den balinesischen Zeremonien für die Kleinen? Ne echte Alternative zur Taufe oder eher nicht so euer Fall? 😉

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